Günther Matzinger: Die verrücktesten 24h meines Lebens

Drei Wochen vor der WM entstand der Plan: 6 Stunden Fahrzeit von Lyon nach Feldkirch, das ist machbar. Ich packe meine Eltern und treusten Fans als „Anfeuerer“ und Taxi ein.

Weltmeisterschaft in Lyon – Finaltag Freitag, 26. Juli

38 Grad und Wüstensturm! So präsentiert sich der Finaltag. Aufwärmen im Schatten, viel Wasser trinken, nicht zu viel…die Jamaikaner machen auch schon Sprint-Läufe zum Aufwärmen. Nervosität steigt. In der vorletzten Minute in den Call-Room, dort ist es noch heißer und man kann nicht mehr aufwärmen. Bahn 3 wie im Vorlauf, gutes Vorzeichen. Ich fühle mich gut und fasse den Plan das Rennen etwas schneller anzugehen als am Vortag.

„On your Marks. Set. Schuss.“

Ich geh schnell raus und habe nach 100m schon den Läufer auf der Bahn vor mir eingeholt. Auf der Gegengeraden aufrecht, schneller Schritt mit Rückenwind. In der zweiten Kurve versuche ich am Tempo zu bleiben, ziehe mit dem Kubaner auf der Außenbahn gleich. 300m Durchgangszeit 35,1 Sek. Meine PB auf die Distanz von vor zwei Jahren steht bei 36,16. Das bekomme ich auf der Zielgeraden zu spüren. Extremer Gegenwind und die Beine schon schwer. Ich werde langsamer und sehe den Kubaner im Augenwinkel. Nur nicht nachlassen und verkrampfen, locker bleiben… Je näher dem Ziel, desto langsamer werde ich und desto näher kommt der Kubaner. Ich werfe mich ins Ziel. Der Kubaner jubelt. War ich vorn? Erst Sekunden später die Erleichterung, er jubelt über Silber. Wahnsinn, ich bin Weltmeister!

Jubel, Interviews in der Mixed Zone, Fotos, Auslaufen um das Laktat aus den Beinen zu bekommen, dann Siegerehrung und das erste Mal kurz Zeit, den Erfolg absitzen zu lassen. Das ganze Stadion steht für die Österreichische Hymne. Viel Zeit zum Feiern bleibt nicht…

Baguette, Schinken und Käse im Auto – bereits auf dem Weg in die Schweiz. Ich versuche zu schlafen, aber kriege kein Auge zu. Ich bin noch viel zu aufgekratzt. Kurz vor Mitternacht erreichen wir unser Zwischenziel. Noch ein Radlerseiterl zum Anstoßen, dann ab ins Bett.

Österr. Staatsmeisterschaften in Feldkirch-Gisingen, Samstag 27. Juli 2013

Am nächsten Tag weiter ins Ländle zu den Staatsmeisterschaften der Nichtbehinderten. Für mich, neben den Int. Meisterschaften, immer das Saisonhighlight. Letztes Jahr war ich Vizemeister über 400m. Heute starte ich über 800m. Nicht alle Favoriten sind da…da kann was gehen. Wir kommen ins Waldstadion. Viele Glückwünsche und überraschte Gesichter erwarten mich. „Warst du nicht gestern in Lyon?“

…wieder Bahn 3. – ich will nicht Tempo machen. Ich bin die ersten 400 immer auf Position 2-3. Wir laufen die ersten 400m in 56-57, relativ locker. Nach 500m will ich vorgehen und beschleunige. Der Läufer innen – hält dagegen. Ich schaffe es nicht auf die Innenbahn und renne außen. Die letzten 200 werden zum Sprint um den Titel. Erst auf der Zielgeraden kann ich mich leicht absetzen – ziehe durch. Sicher schneller als die letzten 100 in Lyon. Ich bin Staatsmeister. Klingt schon gut – aber es wird wohl ein paar Tage brauchen, bis ich das alles realisiert habe.

Ein heißes Wochenende, im wahrsten Sinne des Wortes.  Heute feuere ich noch meine Freundin Niki über die Hürden an und dann geht’s zurück nach Salzburg.

PS: Niki hat sich übrigens sehr gut geschlagen und belegt am Ende den 4. Platz!